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Inhalt der Ausgabe 04/2018

Inhalt

Inhaltsverzeichnis / Impressum

Aufsätze

Literarische Unschärfe

Während die Ästhetik der Unschärfe in Film, Fotografie und Malerei Triumphe feiert, spielt sie in der Literatur vermeintlich keine Rolle. Um die literarische Unschärfe in den Fokus zu rücken, formuliert der vorliegende Beitrag zuerst methodisch die Grundzüge einer Poetik der Unschärfe. Im Anschluss zeigt er auf, wie die literarische Unschärfe die Wissenspoetik der Frühen Neuzeit organisiert. Johann Klaj verwendet die Unschärfe als Produktionstechnik und arbeitet mit ihr als epistemologische Kategorie. Barthold Heinrich Brockes führt die Unschärfe in eine dezidiert literarische Ästhetik über, und nutzt sie, um die vermeintlich festgefügte göttliche Ordnung im Widerspiel von Subjektkonstitution und Punktualität der Zeit zu irritieren. Auf diese Weise etabliert sich der Ausgangspunkt einer literarischen Geschichte der Unschärfe.

Zeitregime im deutschen Neujahrsgedicht des 18. Jahrhunderts

Seit der antiken Geschichtsschreibung denkt Europa annalistisch: Der Jahreswechsel dient der sozialen Synchronisierung von Zeiterfahrung und markiert als Bilanzierungsanlass die Schwelle des Geschichtlichen. Vor dem Hintergrund dieser Beobachtung analysiert der Beitrag mit der deutschen Neujahrslyrik ein bislang unbeachtetes Korpus, das Gedichte von Christian Gryphius über Brockes und Lessing bis Goethe umspannt, und zeichnet daran drei Transformationen des europäischen Zeitregimes im ‚langen‘ 18. Jahrhundert nach.

Lachlust und Lachverbot

Der Aufsatz geht davon aus, dass die meisten Theorien, so die Kants, Jean Pauls und Nietzsches, das Lachen aus sinnlich wahrnehmbaren Inkongruenzen, aus dem Kontrast zwischen dem Hohen und dem Niedrigen herleiten. Er untersucht unter diesem Gesichtspunkt Lacheffekte in Texten Heines („Der Rabbi von Bacherach“) und Kafkas („Ein Bericht für eine Akademie“) und nimmt dabei vorrangig den körperlichen Ausdruck des Lachens in den Blick. Zugleich fragt er nach dessen soziokulturellen Bedingungen: Wer lacht wann, worüber und über wen? Warum wird das Lachen seit je ebenso gefeiert wie verboten? Wie sich zeigt, wird, soziologisch gesehen, von unten nach oben, aber auch von oben nach unten gelacht.

Mareike Schildmann

In der Forschung zu Robert Walser wird immer wieder auf zwei hervorstechende Merkmale seines poetischen Œuvres verwiesen: auf die persistierende und bisweilen verstörende Kindlichkeit seiner Figuren und die notorische ‚Entwicklungslosigkeit‘, die über die figurative Gestaltung hinaus zu einer bestimmenden Eigenschaft der Form des Erzählens wird. Dieser Beitrag versucht aus wissenspoetischer und -historischer Perspektive den Begriff der Entwicklung in seiner semantischen und disziplinären Vielschichtigkeit zu untersuchen, seine inhärente Kopplung mit Konzepten der Kindheit zu befragen, die sich um 1900 in den neuen Wissenschaften vom Kinde formieren und in ein Verhältnis zu Walsers erzählerischen Modellierung einer anachronistischen, erwachsenen Kindlichkeit zu setzen.

Die Lust zu fabulieren

Der Beitrag untersucht das Fabulieren in Psychiatrie, Psychologie und Literatur um 1900 und diskutiert anhand von Erzähltexten von Salomo Friedlaender/Mynona und Paul Scheerbart deren Verfahren, Märchen und Sprüche zu variieren, zu verkehren und zum Ausgangspunkt unglaublicher Geschichten zu machen. Entgegen der Tendenz, im Fabulieren die Ausprägung primitiven, inferioren und pathologischen Erzählens zu erblicken, stellen die „Perversion“ der Volksdichtung zur „Groteske“ bei Mynona sowie Scheerbarts visionäre Entwürfe die Erneuerung eines literarischen Fabulierens als fingierte Mündlichkeit dar.

Buchbesprechungen

Alexander Honold, Edith Anna Kunz, Hans-Jürgen Schrader (Hg.): Goethe als Literatur-Figur, Göttingen: Wallstein 2016.

Was immer man kulturkritisch gegen die heutige Germanistik ins Feld führen mag: Ein Abbruch der Goethe-Philologie steht immerhin nicht zu befürchten. Dabei ist es nicht allein das Goethe’sche Werk selbst, das sich als anhaltend auslegungswillig erweist. In den letzten Jahren stand auch die Geschichte von Goethes Rezeption, Nachwirkung oder Gebrauch wieder verstärkt im Mittelpunkt des literaturwissenschaftlichen Tagungs- und Sammelbandgeschäfts. Während sich Karl Robert Mandelkow in seiner monumentalen Studie über „Goethe in Deutschland“ vornehmlich mit jenen Spuren befasste, die Goethe vom 18. bis zum 20. Jahrhundert in Publizistik, Wissenschaft oder Philosophie hinterlassen hatte und während sich die neuere Forschung nach wie vor wesentlich auf diese Bereiche seines Fortwirkens versteht, haben Alexander Honold, Edith Anna Kunz und Hans-Jürgen Schrader nun eine Studie vorgelegt, die sich konsequent der Rolle Goethes in der deutschsprachigen Literatur und sogar ganz spezifisch Goethes Auftritten als einer literarischen Figur verschreibt.

Thomas Gann, Marianne Schuller (Hg.): Fleck, Glanz, Finsternis. Zur Poetik der Oberfläche bei Adalbert Stifter, Paderborn: Wilhelm Fink 2017.

Die Auseinandersetzung mit Phänomenen der Oberfläche und der Oberflächlichkeit macht einen entscheidenden Bestandteil in der Geschichte ästhetischer und epistemologischer Modernismen und Postmodernismen aus. Friedrich Nietzsche beispielsweise stellt seiner Kritik an einer materialistischen Naturforschung ein Weltverhältnis gegenüber, das sich auf emphatische Weise für Oberflächen interessiert: „Wäre es umgekehrt nicht recht wahrscheinlich, dass sich gerade das Oberflächlichste und Aeusserlichste vom Dasein – sein Scheinbarstes, seine Haut und Versinnlichung – am Ersten fassen liesse? vielleicht sogar allein fassen liesse?“ Dass ein solches Lob der Oberfläche nicht ausschließlich in einer Ästhetik, Kunst und Literatur nach Nietzsche seine Erfüllung findet, wird im Hinblick auf das Werk Adalbert Stifters deutlich.

Sarina Tschachtli: Körper- und Sinngrenzen. Zur Sprachbildlichkeit in Dramen von Andreas Gryphius, Paderborn: Wilhelm Fink 2017 (= zugl. Diss. Universität Zürich).

Präambel in eigener Sache: Im Grunde dürfte ich, befangenheitshalber, wiewohl ich die Verfasserin persönlich nicht kenne, diese Arbeit nicht rezensieren, denn sie bekennt sich explizit und mit Nachdruck zu der von mir in die Diskussion gebrachten semiologisch-theaterreflexiven Perspektive auf Gryphius’ dramatische Texte. Andererseits hat, dem Verlag zufolge, die Verfasserin sich mich als Rezensentin ausdrücklich gewünscht; daher meine Entscheidung, gerade doch zu rezensieren, unter der angedeuteten Kautel.

Robert Stockhammer: 1967. Pop, Grammatologie und Politik, Paderborn: Wilhelm Fink 2017.

Müsste man den Anfang von Robert Stockhammers Monographie mithilfe einer Sportmetapher beschreiben, würde man wohl von einer Körpertäuschung sprechen. Denn in gewissem Sinne widerlegt das Buch in seinem Fortgang die Behauptung, mit der es beginnt: „Zu 68 gibt es nichts mehr zu sagen“. Was Stockhammer nicht wiederholen möchte, ist eine der vielen Geschichten der Ereignisse um 1968, in denen die Studentenbewegung entlang bekannter und etablierter Topoi erzählt wird. Weder die sogenannte „sexuelle Revolution“, das Aufbegehren gegen einen als verstaubt wahrgenommenen Lehrbetrieb, noch die Auseinandersetzung mit dem familiär und gesamtgesellschaftlich präsenten Nationalsozialismus oder das ambivalente Verhältnis zu den Vertretern der Kritischen Theorie sollen erneut rekapituliert und dann als cautionary tale, als Lehrstück, als Tragödie oder Farce aufbereiten werden; kein „Weiterwursteln an bloßen Themen“.
 

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