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Inhalt der aktuellen Ausgabe 01/2020

Inhalt

Inhaltsverzeichnis/Impressum

Aufsätze

Das Lied Maria gut von Hieronymus Schenck von Siemau und seine anonyme Bearbeitung Maria schon

Das im Kontext des Jetzerhandels bekannte anonyme Lied ‚Maria schon‘ ist eine kürzende, aber textnahe Bearbeitung von ‚Maria gut‘, dessen marianische Argumente zugunsten der Unbefleckten Empfängnis übernommen werden. Diese Vorlage wurde von ihrem Dichter Schenck von Siemau mit ausführlichen biblischen, theologischen, kirchenrechtlichen, poetischen und naturkundlichen Belegstellen versehen, die zwar eine starke Marienverehrung, aber nur selten das fragliche Dogma bestätigen können, in ihrer Vermischung traditioneller und humanistischer Quellen für den Beginn des 16. Jahrhunderts jedoch charakteristisch sind. Die Bearbeitung strebt durch formale Glättung und emotionalen Marienbezug eine populäre Wirkung an, greift anlässlich des aktuellen Falles zu polemischen Ausdrücken und betont theologisch die Rolle des Teufels und den Zorn Gottes, so dass die Autorschaft Thomas Murners wieder in Betracht gezogen werden sollte.

Wegweisungen zum Lesen in England (1900 – 1945)

The widespread digital euphoria and the concomitant transformation of traditional ways of communication in our time, in particular the weakening of habits of reading by the achievements of digital competence, have put in the shade the age-old tradition of writing essays and of delivering public lectures on the pleasures and benefits of reading, practices that have been inscribed in this cultural tradition for centuries.
After some brief references to respective essays from the beginning of the eighteenth century to the Victorian Age, the present article focuses on the views and experiences of reading by some thirteen authors, among others by John M. Robertson, Sir Arthur Quiller-Couch, Virginia Woolf, Hugh Walpole, Aldous Huxley, Walter de la Mare, with the aim of describing the richness and variety of their ideas about reading, as well as the emergence of specific problems (social advancement, memory, author-reader relation, life and literature) under the influence of changing social and cultural contexts during the first half of the twentieth century

Ausschluss und Wiederkehr des Abenteuers in Ariostos Orlando furioso

Nach gängiger Meinung bricht Ariosto im Orlando furioso mit dem Erzählschema des Abenteuers, weil das Begehren der Figuren von der Suche nach sich ständig entziehenden Objekten absorbiert wird und der Text gegen Ende immer mehr zum Epos tendiert. Dieser Artikel will nachweisen, dass das Abenteuer im Furioso tatsächlich in Form verschiedener Varianten fortlebt und ihm eine wichtige Funktion in der Makrostruktur des Textes zukommt. Diese Hypothese wird anhand von drei Stichproben erhärtet: Während das Abenteuer im ersten Gesang auf reine Kontingenz reduziert wird, bilden Astolfos Abenteuer im 15. Gesang ein Gegenmodell zur blinden Proliferation von Kontingenz. Im 42. Gesang dient das Zufallsmoment des Abenteuers schließlich dazu, Rinaldos Suche nach Angelica unvermittelt in eine teleologische, an Dantes Commedia orientierte Erzählstruktur übergehen zu lassen.

Auf dem Weg zum Action Painting. Die Kurzprosa von Henri Michaux

Bereits in seiner frühen Kurzprosa zeichnet sich bei Henri Michaux die Radikalität seines Kunstverständnisses ab. Basierend auf den Entdeckungen von Sigmund Freud ebenso wie auf der Prosalyrik Baudelaires und Rimbauds, die eine Befreiung von überlieferten Formen darstellte, soll der literarische Ausdruck ungehemmt einer Triebabfuhr dienen, die konsequenterweise zur Aufsprengung der herkömmlichen Rhetorik führt. In diesen Texten ist bereits angelegt, dass der Autor sich später verstärkt der tachistischen Malerei zuwenden sollte.

Requiem nach Jérôme Ferrari: À son image

In seinem Roman À son image greift Jérôme Ferrari ein Thema auf, das Philosophen und Theologen seit der Antike beschäftigt. Sein besonderes Interesse an Fotografie veranlasst ihn, die Frage nach der Bedeutung von Bildern neu zu stellen. Zunächst gilt es, der Frage nach der Signifikanz des Romantitels nachzugehen. Auf welches Bild ist der Titel zu beziehen auf Idealvorstellungen seiner Protagonistin, einer glücklosen Pressefotografin, auf menschliche Projektionen allgemein oder gar auf ein göttliches Ur- oder Wesensbild? Weiter ist zu hinterfragen, warum der Erzähler den Rahmen einer kirchlichen Trauerfeier wählt, um das Leben dieser Protagonistin Revue passieren zu lassen, obwohl sie dem Glauben an den Gott ihrer Kindheit längst abgeschworen hat. Schließlich bleibt zu untersuchen, wie sich die Zeitlosigkeit des Sakralen und die Zeitlichkeit des Profanen in Ferraris Roman zueinander verhalten. Ähnlich wie in seinem Werk Le sermon sur la chute de Rome erinnern einige Szenarien an Denkmuster des Gottesstaates von Augustinus.

Kleinere Beiträge

Briefe von und an Franz Freiherrn Gaudy, Nachtrag.

Franz Freiherr Gaudy (1800–1840), der spätromantische und frührealistische Autor im Vormärz, ist heute fast vergessen. Er schrieb Prosa – Novellen, Erzählungen, Reiseberichte – und Gedichte, Balladen und Romanzen, hatte eine ausgeprägt satirische Ader und war ein ausgezeichneter Übersetzer aus dem Französischen und Polnischen. Zu seiner Zeit war er im literarischen Deutschland bekannt und geachtet.

Eine Vereinsbibliothek mit nationalen Aufgaben

The Deutsche Bücherei in Leipzig, one of two predecessors to today’s Deutsche Nationalbibliothek, is tied up like no other cultural institution with the fate of Germany in the twentieth century. It is the library with the closest relationship with the German state. Nevertheless, it was founded by the Börsenverein der Deutschen Buchhändler (German Publishers and Booksellers Association), and it was brought under public manage ment at a relatively late stage. In 1990, it was united with its equivalent institution in West Germany.

Besprechungen / Allgemeines

Grundthemen der Literaturwissenschaft: Literarische Institutionen. Ed. Norbert Otto Eke und Stefan Elit. Berlin: De Gruyter, 2019.

Das Werk erscheint in der vom Münsteraner Anglisten Klaus Stierstorfer und einem wissenschaftlichen Beirat betreuten Handbuchreihe Grundthemen der Literaturwissenschaft. Die Bände, die auch als eBook angeboten werden, sollen bis 2021 in 13 Titeln den Gesamtbereich der Literaturwissenschaft umfassen. Sie sind bislang knapp zur Hälfte erschienen. Die bereits publizierten Titel, nämlich zum Drama, zum Erzählen, zum Lesen, zur Literaturdidaktik sowie zur Poetik und Poetizität, sind in der Kritik gut aufgenommen worden. Der vorliegende Titel wird von den Paderborner Germanisten Norbert Otto Eke und Stefan Elit herausgegeben, die selbst – zusammen mit 23 anderen Autoren und Autorinnen, darunter meist ebenfalls Literaturwissenschaftler, ein Bibliothekar, ein Buchwissenschaftler, eine Afrikanistin und eine Orientalistin – am Werk mitwirken.

Pest! Eine Spurensuche: 20. September 2019 – 10. Mai 2020. Katalog zur Sonderausstellung im LWL-Museum für Archäologie. Westfälisches Landesmuseum Herne. Ed. LWL-Museum für Archäologie, Stefan Leenen, Alexander Berner, Sandra Maus, Doreen Mölders. Darmstadt: Wbg Theiss, 2019.

Das LWL-Museum für Archäologie in Herne hat sich mutig und mit beachtlichem didaktischen Geschick an eine hochrangige Ausstellung zu einem schwierigen Thema, der Pest, gewagt, das, bedenkt man die zahllosen kulturhistorischen, sozialen und religiösen Implikationen, von besonderer Komplexität ist. Leider ist die heute so gerne angemahnte „aktuelle Relevanz“ von Ausstellungen und Forschungsprojekten bei diesem Thema, ungeachtet der scheinbar beruhigenden zeitlichen Distanz, auf geradezu unheimliche Weise präsent: Bakteriologen und Virologen beschwören, was in der Öffentlichkeit weitgehend verdrängt wird, seit Jahrzehnten die Gefahr neuer, vergleichbarer Katastrophen. Der Schwarze Tod, wie die Seuche seit dem 17. Jahrhundert genannt wird, ist so längst zur Metapher geworden. Er ruft nicht ohne Grund jene „Urfurcht“ vor Einsamkeit, Ausgrenzung und Tod in Erinnerung, die seit der Antike mit gefährlichen Seuchen aller Art verbunden blieb. Das Aufflackern der „Vogelgrippe“, von „SARS“- oder Ebola-Viren, wo auch immer in der Welt, evoziert nicht ohne Grund Unruhe.

Perspektiven der Kulturgeschichte. Gegenstände, Konzepte, Quellen. Ed. Benjamin Brendel, Corinne Geering, Sebastian Zylinski (Giessen Contributions to the Study of Culture, 14). Trier: WVT, 2018.

Der aus einer Ringvorlesung des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der Justus-Liebig-Universität entstandene Sammelband Perspektiven der Kulturgeschichte hat es sich zum Ziel gesetzt, „kulturhistorische Arbeitsweisen exemplarisch aufzuzeigen und neue Impulse für weiterführende Forschung zu generieren“ (Umschlagtext). ‚Kulturgeschichte‘ bezeichnet dabei v. a. jene Spielarten der Geschichtswissenschaft, welche kulturwissenschaftliche Methoden anwenden und auf die Vergangenheit beziehen. Wie dem Vorwort der Herausgeber zu entnehmen, geht es bei der Kulturgeschichte hauptsächlich um die Betonung der „historischen Lebenswelten der Akteur_innen und ihren Bedeutungszuschreibungen“, also um einen semiotischen bzw. bedeutungsorientierten Kulturbegriff.

The Cambridge Companion to Literature and Science. Ed. Steven Meyer. Cambridge: Cambridge University Press, 2018.

“There are more things in heaven and earth, Horatio, / Than are dreamt of in your philosophy.” Hamlet’s musing comes to mind throughout this volume – perhaps not least because he features in Mary Baine Campbell’s insightful chapter as one who “wants to know, even more than he wants revenge or peace”. Among other things, his rejoinder exposes the inadequacies of human reason in the face of the teeming variety and ambiguity of worlds both natural and supernatural. It seems an oddly fitting description for the exciting, eclectic nature of ‘literature and science’ today; but it also encapsulates both the individual successes and the overall shortcomings of this companion to it.

David Trigg: Die Kunst zu lesen. München, London, New York: Prestel, 2018.
Rainer Moritz: Leseparadiese: Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung. München: Sanssouci, 2019.

Die Zahl der Buchkäufe nahm in den letzten Jahren drastisch ab, die oft kurzweiligen Publikationen zum Themenkomplex „Lesen, Bücher, Bibliotheken“ o. ä. verzeichnen indes einen enormen Anstieg, wobei alle Altersgruppen angesprochen werden. Während bei früheren Anthologien das Buch bzw. das Leseglück im Mittelpunkt standen, ist es heute häufiger die Frage, ob man scrollen oder lesen soll. Hierfür sei stellvertretend Lane Smiths Kinderbuch It’s a book (New York: Macmillan, 2010) genannt, das unter dem Titel Das ist ein Buch in deutscher Übersetzung erschienen ist (München: Carl Hanser, 2017). Im spielerischen und humorvollen Dialog zwischen Esel, Affe und Maus steht hier die (Wieder-)entdeckung des Buches im Fokus, und so heißt es auf der Rückseite des Covers: „Kann man damit simsen? Bloggen? Scrollen? Twittern? Nein ... das ist ein Buch!“

Henning Lobin: Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache. Stuttgart, Wei - mar: J. B. Metzler, 2018.

Henning Lobin, Sprachwissenschaftler und seit 2018 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, setzt mit dieser Publikation ein Projekt fort, das im Jahr 2014 mit einer anderen Veröffentlichung zwar nicht seinen Anfang nahm, aber einen wesentlichen Meilenstein erreichte: mit Engelbarts Traum: Wie der Computer uns Lesen und Schreiben abnimmt (Frankfurt a.M.: Campus, 2014) erschien ein erstes Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit den „Auswirkungen von Digitalität und Vernetzung auf die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens“, die er nun, mit seinem neuen Buch von 2018, fortsetzt. Dies geschieht dahingehend, dass er sich mit dem Bild befasst, das „wir“ uns von Sprache machen, und zudem die Frage stellt, wie sich die Linguistik aufgrund ihrer Entwicklung zu einer „Datenwissenschaft“ verändert hat bzw. möglicherweise weiterhin verändern wird. In dem „wir“ aus dem Vorwort des Buches steckt dann auch schon die wesentliche Schwierigkeit des insgesamt durchaus lesenswerten und unterhaltsamen Bändchens: wer ist mit „wir“ gemeint? Welches Publikum wird mit dem Buch angesprochen bzw. soll angesprochen werden?

Julia Bangert: Buchhandelssystem und Wissensraum in der Frühen Neuzeit. Berlin: De Gruyter, 2019.

Bei Julia Bangerts Studie handelt es sich um die Druckfassung ihrer 2017 an der Universität Mainz abgeschlossenen Dissertation, welche die Entwicklung des frühneuzeitlichen Buchhandels von seinen Anfängen Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Etablierung des Großhandelsvertriebs im ausgehenden 17. Jahrhundert untersucht. Die Autorin möchte zeigen, wie „Wissensräume“ durch den Buchhandel entstanden, wobei vor allem auf den „Wissensraum“ der res publica literaria fokussiert wird, dessen geographische Vernetzung erst durch den Handel mit dem „Kommunikationsträger Buch“ ermöglicht worden sei. Das Augenmerk der Forschung liegt nach wie vor auf dem herstellenden Buchhandel der Frühen Neuzeit, womit der Vertrieb häufig ausgeblendet wird, der insgesamt deutlich schwerer zu erfassen ist.

Velma Bourgeois Richmond: Don Quixote as Children’s Literature: A Tradition in English Words and Pictures. Jefferson, NC: McFarland, 2018.

Neben Robinson Crusoe, Lemuel Gulliver, Tom Sawyer und Huckleberry Finn oder Oliver Twist – um hier nur einige zu nennen – gehört Don Quijote zu den schillerndsten Figuren der Weltliteratur, die ursprünglich nicht für Kinder geschrieben wurde, die Literatur für Kinder dennoch stark geprägt hat. Welche Rolle spielen Klassiker der Weltliteratur allgemein und besonders Miguel de Cervantes’ spanisches Monumentalwerk Don Quijote (1605/1615) für die Kinderliteratur im englischsprachigen Raum? Wie wird aus Weltliteratur für Erwachsene ein so genannter ‚Kinder-Klassiker‘? Näherhin: Welche Eigenschaften qualifizieren einen Klassiker für eine kindgerechte Umarbeitung? Welche der bekannten Adaptionsstrategien – Kürzung, Nach- und Neuerzählung, Moderation, Illustration – werden in welcher Weise eingesetzt und miteinander kombiniert? Und nicht zuletzt: Wie muss eigentlich ein aktualisierter Arbeitsbegriff von ‚Kinderliteratur‘ beschaffen sein, der sowohl historisch-interkulturelle Gattungsaspekte als auch die intertextuelle und intermediale Dynamik des Gegenstands im Blick hat?

Luise Berg-Ehlers: Theodor Fontanes Traumorte. Eine besondere Zeitreise von England über Dänemark und Frankreich nach Italien. München: Elisabeth Sandmann, 2019.

Was große Jubiläen und Gedenktage anbelangt, war 2019 ein recht üppiges Jahr: Gewürdigt wurde u. a. Neil Armstrong und Buzz Aldrin, Napoleon Bonaparte, Hernan Cortes, Alfred Escher, Alexander von Humboldt, Gottfried Keller, Rosa Luxemburg, Friedrich Nietzsche, Leonardo da Vinci u.v.a.; ebenfalls feierte man vielerorts den 200. Geburtstag von Theodor Fontane, Jaques Offenbach, Clara Schumann und Queen Victoria oder gedachte der Gründung der Weimarer Republik am 19. Januar 1919 sowie des Bauhauses durch Walter Gropius am 12. April 1919; weitere Anlässe zum Erinnern und Gedenken bot der Versailler Vertrag, der sich am 28. Juni 2019 zum 100. Mal jährte, oder das Grundgesetz, welches am 23. Mai 1949 in Kraft trat.

Klaus-Werner Haupt: London kommt! Pückler und Fontane in England. Weimar: Bertuch, 2019.

The list of German authors who wrote accounts of their travels in the United Kingdom during the nineteenth century abounds in distinguished names, among them Franz Grillparzer, Heinrich Heine, Fanny Lewald and Johanna Schopenhauer. There is no doubt, though, that in terms of sophistication of response to the island nation and enduring readability of their travelogues two writers stand out: Prince Hermann von Pückler-Muskau and Theodor Fontane. Both men viewed Britain with critical acuity rather than simple curiosity and used their evaluation to reflect on the current state of their own country, as Klaus-Werner Haupt points out in his introduction to the book under review. The idea of comparing the two writers’ British travel books is therefore an interesting one.

Franziska Walter: Meisterhaftes Übersetzen. Stefan Georges Übersetzung der Sonette Shakespeares (Epistemata, 874). Würzburg: Königshausen & Neumann, 2019.

Shakespeare nahm im kulturellen Kosmos des George-Kreises einen besonderen Rang ein. Gerade auch Shakespeares Sonette gehörten zur wichtigsten Gruppe der ‚unbedingt‘ zu lesenden Werke der Weltliteratur. George selber hatte sie aus dem Œuvre des Barden hervorgehoben, indem er sie zum Publikationsjubiläum 1909 übersetzte und schließlich in die Gesamtausgabe [seiner] Werke aufnahm. Franziska Walter widmet sich in ihrer Studie (zugleich Dissertation Bielefeld 2016) nun nicht den Prozessen der elitären Kanonisation und exkludierenden Inauguration, die George und seine Verehrer mit Shakespeare betrieben, sondern der teilidentifikatorischen Integration, die sich in Georges Übersetzung von Shakespeares Sonetten manifestiert.

Besprechungen / Englisch und Amerikanisch

Heather Blatt: Participatory Reading in Late-Medieval England. Manchester: Manchester University Press, 2018.

Although the dominant focus in medieval studies has been on the role of the writer, there are several studies on medieval reading practices, but Blatt wants to zoom in on the practice(s) of reader participation. In her book she sets out to discuss different modes of reader participation and the ways in which writers could be aware of and anticipate such participation. Writers could thus facilitate or restrict and therefore shape reader agency. Blatt proposes to access medieval reading practices using the insights of digital media studies, since practices typical of digital culture (such as open emendation, non-linear apprehension, immersion) can also be detected in late medieval texts.

Jean-Christophe Mayer: Shakespeare’s Early Readers. A Cultural History from 1590 to 1800. Cambridge: Cambridge University Press, 2018.

Among Richard Temple’s “Bookes in ye 18 shelf behind ye door”, according to his manuscript catalogue of 1694, was “Shakespear Workes folio”: Frances Egerton, Countess of Bridgewater owned almost every quarto of Shakespeare’s plays printed before 1602; the Danby manuscript now in the Huntington Library includes two therapeutic quotations from Othello amid a miscellany of recipes, household accounts and poems. Jean-Christophe Mayer’s wide-ranging account of readers of Shakespeare’s plays during the seventeenth and eighteenth centuries (he suggests there is little distinction between them in terms of the history of reading) is full of archival discoveries of marginalia, annotation, commonplacing, and commentary. Following the work of Lukas Erne which he acknowledges as a major influence, Mayer argues for the emergence of a “communal literary Shakespeare” through reading in the period before the Victorians annexed his works for the school system.

Michael P. Jensen: The Battle of the Bard: Shakespeare on U. S. Radio in 1937 (Recreational Shakespeare Series). Leeds: Arc Humanities Press, 2018.

In 1937, America’s two “leading media companies,” CBS and NBC, engaged in a “Battle of the Bard,” fighting “over which had the better claim to Shakespeare,” and Michael P. Jensen’s interesting and engagingly written book sets out to “explore” this “episode” in the context of “US cultural history.” As Jensen’s Introduction argues, radio was a mass medium, with an impact and reach equivalent to television later on or to the internet today, so this affair is a matter of real consequence. Moreover, since “there have been more audio productions of Shakespeare than film and television productions combined,” Jensen can claim that the field is “the neglected corner of Shakespeare performance scholarship,” offering his book as a corrective “example of just how interesting and rewarding the study of Shakespeare audio can be.”

Catherine Maxwell: Scents and Sensibility. Perfume in Victorian Literary Culture. Oxford: Oxford University Press, 2017.

Gerüche sind eine noch subjektivere, wenn auch flüchtigere Empfindung als das Sehen oder Hören. Wie der Geschmack und der Tastsinn ist die olfaktorische Sinnesreizung, ob als animalischer Gestank oder als floraler Duft, ob als strenge Markierung oder als feiner Akzent, stets von unmittelbarer physischer und physiologischer Natur. Die Reaktion auf einen Geruch ist, bei aller Subjektivität, nicht zuletzt instinktiv und unwillkürlich – wirklich neutrale Gerüche gibt es daher kaum: Sobald etwas über die Nase registriert wird, ist es ein Anderes. Die Unmittelbarkeit einer Geruchswahrnehmung geht häufig mit einer auch sprachlichen Unvermittelbarkeit einher – weswegen das Riechen und Schmecken noch schwerer erlernt werden kann als das Hören oder Sehen.

Rolf P. Lessenich: Romantic Disillusionism and the Sceptical Tradition (Super alta perennis, 20). Göttingen: V&R unipress, 2017.

There is a dark side of Romanticism, considered in Rolf Lessenich’s monograph Romantic Disillusionism and the Sceptical Tradition (2017). This brilliant com parative study discusses authors from the late eighteenth up to the end of the nineteenth century who are variously labelled as Romantic Disillusionists, Romantic Sceptics or Negative Romantics, inspired by the Greek sceptic philosopher Pyrrho. The most influential source of the disillusionist undercurrent in European Romanticism is Lord Byron, whose poetry and prose runs as a guiding thread through the entire study, and in the light of which Lessenich analyses key passages and draws fascinating parallels between the literature of authors such as Franz Grillparzer, John Clare, Heinrich Heine, Giacomo Leopardi, Thomas Lovell Beddoes, Edgar Allan Poe, Alfred de Musset, Georg Büchner, Mikhail Lermontov, Herman Melville, Charles Baudelaire, Dante Gabriel Rossetti, Arthur Schopenhauer and Friedrich Nietzsche (to mention but a few).

Frank F. Pauly: Die Wahrheit der Dichtung: P.B. Shelleys Defence of Poetry im Kontext der Tradition neuplatonischer Poetologien. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2018.

Percy Bysshe Shelley’s A Defence of Poetry (MS 1821), the poet’s serious answer to Thomas Love Peacock’s humorously satirical The Four Ages of Poetry (1820), is usually thought to belong to the tradition of Platonism without, however, outlining that tradition in any detail. The monograph under discussion here fills that gap, tracing the transformation of Platonist poetologies from Plato through Plutarch, Maximus of Tyre, Plotinus, Porphyrius, Proclus, Ficino, Scaliger, and Sir Philip Sidney to Shelley’s outline of a Romantic poetology, defending it against the strictures of both Neoclassicts and Utilitarians – and ultimately against Plato’s critique of poetry itself, arguing with Plato against Plato. The Shelley-Peacock controversy thus had a notorious predecessor in Sidney’s Defence of Poesie against the strictures of the Puritan Stephen Gosson’s The School of Abuse, upon which Shelley modelled his title as well as some of his arguments.

Philip Davis: The Transferred Life of George Eliot. Oxford: Oxford University Press, 2017.

As a literary scholar and psychotherapist, Philip Davis judges literature by its educational relevance rather than its value as qualified by aesthetics or the history of ideas. His preference is for the novel, especially the realist novel – George Eliot being its best representative, and Middlemarch (1869–71) the best of the genre’s output. He locates the realist novel in a position that mediates between the experiences of life and art; life “transferring” into art, and vice versa. He thus structures his monograph into Eliot’s earlier life as ending with her co-editorship of John Chapman’s Westminster Magazine, and succeeded by her creative phase beginning at the late age of 37 with Scenes from Clerical Life (1856–57) and proceeding through to Daniel Deronda (1873–76) and her death, as a celebrated writer, in 1880.

Robert Baden–Powell: Scouting for Boys. A Handbook for Instruction in Good Citizenship. Ed. with an Introduction and Notes by Elleke Boehmer [2004]. Oxford: Oxford University Press, reissued 2018.

Robert Baden-Powell’s Scouting for Boys can certainly be considered a pivotal text in the history of Western civilization: firmly rooted in late nineteenth-century imperialism, it came to be the foundation of what can perhaps be considered the most successful international youth movement of the twentieth century. While some of its tenets, such as recurrent references to British superiority as well as to the virtues of discipline and obedience and the glory of dying in the process of saving the lives of others, will appear revolting to twenty-first-century readers, other parts of the text may appear surprisingly modern, such as chapters on the protection of animals or the dangers of smoking. Still other chapters, by contrast, verge on the ridiculous, as when rules of games are given which may remind us of children’s birthday parties.

Karina Urbach: Queen Victoria. Die unbeugsame Königin. Eine Biografie. München: C.H. Beck, 2018.
Bernd Breutmann: Die Zeit ist aus den Fugen. Shakespeare, Brexit & die ungeschriebene Verfassung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2019.

Die wechselvollen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich beruhen seit jeher auf trennenden und einenden Elementen. Eindeutig zu letzteren zu zählen ist dabei die gemeinsame Begeisterung für sowohl die königliche Familie als auch den Dichter William Shakespeare. Auch zwei neuere Veröffentlichungen „deutscher“ Autoren nähern sich der britischen Kultur über diese Themen. Die erste dieser ist Karina Urbachs erweiterte und aktualisierte Fassung ihrer 2011 erschienen Biographie von Queen Victoria.

Zeno Ackermann: Gedächtnis-Fiktionen. Mediale Erinnerungsfiguren und literarischer Eigensinn in britischen Romanen zum Zweiten Weltkrieg (Anglistische Forschungen, 454). Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2015.

Thema von Ackermanns umfangreicher Studie ist der Zweite Weltkrieg, wie er in Großbritannien während und nach dem Kriege dargestellt, vermittelt und über die Jahrzehnte hinweg immer wieder neu und erweitert Gegenstand wird. Dabei greift Ackermann ebenso zurück auf Außerliterarisches wie Radioprogramme, Filme und Fernsehreihen, die während des Krieges und bis in die Gegenwart entstanden, wie auf Romane, denen er eine besondere Stellung und Bedeutung zuweist. Angesichts der Bedrohung durch die Feinde im eigenen Lande entsteht während des Zweiten Weltkrieges eine verengte Perspektive der Bedrohung, die in der Idee der allgemeinen Mobilisierung ihren Niederschlag findet, im Wesentlichen evoziert über Radiosendungen und über Filme, die Propaganda unmittelbar umsetzen oder dies indirekt tun, wie etwa Laurence Oliviers filmische Fassung von Henry V.

David Cannadine: Margaret Thatcher. A Life and Legacy. Oxford: Oxford University Press, 2017.

It was in January 2017, three and a half years after her death, that Margaret Thatcher entered the Oxford Dictionary of National Biography, “the national record of more than 58,000 men and women (all deceased) who’ve shaped British history and culture.” Composed by its General Editor, Sir David Cannadine, and coming in at over 33,000 words, the entry is one of the longest in the ODNB, on a par with those of British luminaries like William Shakespeare, Henry VIII, Elizabeth I, Queen Victoria and Winston Churchill. Given the usual literary quality of the ODNB entries, it may not seem utterly surprising that Cannadine’s almost unaltered entry was then also published in print.

Günther Jarfe: The Baffle of Being. Critical Essays on Modern and Con temporary British Literature. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2019.

Günther Jarfe’s collection of essays comes with a set of paratexts rich in allusion. Its title – The Baffle of Being – quotes a famous phrase of W. H. Auden. The cover image features Paul Klee’s 1938 painting Die Waldhexen. Both Auden’s words and Klee’s image evince an ideal of curiosity and openness in dealing with artistic objects, or even with life at large. As Auden’s poem “Tonight at Seven-Thirty” puts it, “the funniest / mortals and the kindest are those who are most aware / of the baffle of being.” For Jarfe, this sensibility is key to making sense of life and literature alike. As he stresses throughout, meaning will only unfold in loops of hermeneutic interpretation, withholding definitive closure and requiring the reader to be sensitive to the text’s lingering bafflement and mystery. Klee stages a similar process.

Besprechungen / Romanisch

Véronique Bontemps / Franck Mermier / Stephanie Schwerter (dir.): Les villes divisées. Récits littéraires et cinématographiques. Villeneuve d’Ascq: Presses universitaires du Septentrion 2018.

Der von den beiden Anthropologen Véronique Bontemps und Franck Mermier sowie der Anglistin Stephanie Schwerter gemeinsam herausgegebene Sammelband Les villes divisées setzt sich in 15 Einzelbeiträgen, die auf vier Kapitel aufgeteilt sind, mit der Darstellung geteilter Städte in Literatur und Film auseinander. In der Einleitung zum Band zählt Mermier dazu soziale Segregation, ethnischen und konfessionellen Konflikten entspringende territoriale Grenzziehungen, Phänomene wie Gentrifizierung und die Bildung von Slumsiedlungen sowie durch Gewalt erzeugte Demarkationslinien. Die besondere Herausforderung des Bandes besteht darin, Sozialwissenschaften mit Literatur- und Filmwissenschaft als «deux formes de représentation du réel, sinon de connaissance» zusammenzudenken, wobei freilich zumindest im deutschsprachigen Raum die Berücksichtigung sozialwissenschaftlicher Ansätze im Rahmen einer kulturwissenschaftlichen Perspektive auf Literatur und Film nicht neu ist.

Nicole Botti: Il baule del Furioso. La fortuna del poema ariostesco nel melodramma. Pisa: Pacini Fazzi 2018 (L’Unicorno, 34).

Il quinto centenario della pubblicazione dell’editio princeps dell’Orlando furioso, celebrato nel 2016, ha prodotto, tra gli altri risultati, un rinnovato quanto duraturo interesse verso la fortuna del poema in musica, come attestano recenti studi dedicati a forme diverse di trasposizione musicale del testo ariostesco, dai più diffusi madrigali alle ercolane di carattere popolare fino alle riscritture operistiche. A tale messe di indagini si può ora aggiungere l’ampio volume di Nicole Botti, incentrato sulla ricezione del Furioso nel melodramma italiano del Seicento e del Settecento.

Pia Claudia Doering / Caroline Emmelius (Hg.): Rechtsnovellen. Rhetorik, narrative Strukturen und kulturelle Semantiken des Rechts in Kurzerzählungen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Berlin: Erich Schmidt 2017 (Philologische Studien und Quellen, 263).

Was sind Rechtsnovellen? Die Beiträger*innen des Sammelbandes, der auf eine germanistisch-romanistische Tagung im Jahr 2014 zurückgeht, diskutieren unter diesem Titel Texte, die auf den ersten Blick heterogen anmuten. Das Textkorpus reicht von den lateinischen Gesta Romanorum über Aesops Fabeln und den Reineke-Fuchs-Stoff, die mittelhochdeutsche Märendichtung, Dante, Boccaccio bis hin zu dem Schwank- und Exempelbuch Schimpf und Ernst (1522) des Johannes Pauli, Luthers Tischreden und Matteo Bandellos Novelle (1554).

Joan E. Howard: We Met in Paris. Grace Frick and Her Life with Marguerite Yourcenar. Columbia: University of Missouri Press 2018.

Das im deutschsprachigen Raum wenig beachtete Œuvre der in Belgien geborenen und in den USA verstorbenen Schriftstellerin Marguerite Yourcenar (1903–1987) wird vor allem in Frankreich und den USA tradiert. Während inzwischen eine beachtliche Anzahl von Publikationen zu Leben und Werk der Autorin vorliegt, hat sich die Literaturwissenschaft bisher kaum für die Rolle von Grace Frick, Yourcenars Partnerin von 1937 bis zu ihrem Tod 1979, interessiert. Diese Lücke füllt die Biografie von Joan E. Howard, die eine From Violence to Vision. Sacrifice in the Works of Yourcenar (1992) überschriebene Dissertation verfasste und aktuell die Yourcenar-Gedenkstätte im ehemaligen Wohnhaus der Autorin leitet. Der vorliegende Band richtet sich jenseits des eingeschränkten Zirkels der so genannten yourcenariens an ein breiteres Fachpublikum, zumal er die maßgebliche und in der Rezeption kaum wahrgenommene Bedeutung der nicht schreibenden Partnerin bei der Genese eines literarischen Werks exemplarisch beleuchtet.

Barbara Kuhn (Hg.): «Wie sonst nirgendwo…». Venedig zwischen Topographie und Utopie. Würzburg: Königshausen & Neumann 2017.

Schwindel, Kurzatmigkeit, Erschöpfung, ja sogar Verwirrungszustände und Halluzinationen kennzeichnen das so genannte ‹Stendhal-Syndrom›. Mit diesem Begriff wird ein psychosomatisches Phänomen bezeichnet, das bei Reisenden durch kulturelle Reizüberflutung ausgelöst werden kann. Benannt ist das Syndrom nach dem gleichnamigen französischen Schriftsteller, der 1817 in seiner Reise durch Italien von «einer Art Ekstase» berichtet, in die er in Anbetracht der zahlreichen italienischen Kunstschätze verfällt. Seine übermäßige Erregung vergleicht Stendhal dabei ebenso mit großer Verliebtheit wie mit einem «Nervenanfall».

Jochen Mecke / Hubert Pöppel (Hg.): Entre dos aguas. Kulturvermittler zwischen Spanien und Deutschland. Berlin: edition tranvía-Verlag Walter Frey 2016.

Im Angesicht des europäischen Erweiterungsprozesses ist die Frage nach Identität der Mitgliedsstaaten immer deutlicher zu hören. Für die Selbst- wie auch für die Fremdwahrnehmung stehen stellvertretend Mittlerfiguren, die sich im liminalen Raum kultureller Identität bewegen. Der Band Entre dos aguas bringt auf über 200 Seiten die vielfältigen Formen der Kulturvermittlung dem Leser näher und beleuchtet dabei auch Autoren, die in dieser Funktion nicht unbedingt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind und neben den großen Vertretern des spanisch-deutschen Austausches wie etwa Nicolás Böhl de Faber, den Gebrüdern Schlegel oder Karl Vossler etwas in den Hintergrund treten.

Manuel Parodi Muñoz: Cervantes y las Novelas ejemplares contra la ideología de la nobleza. Berlin: edition tranvía-Verlag Walter Frey 2018.

Cervantes’ Novelas ejemplares waren in den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere seit dem von Wolf-Dieter Stempel und Karlheinz Stierle 1987 herausgegebenen wirkungsmächtigen Sammelband Die Pluralität der Welten immer wieder Gegenstand literaturwissenschaftlichen Interesses. Im Zentrum der Beschäftigung mit den Texten stand vor allem die Frage, in welcher Weise fiktionale Texte in Umbruchszeiten (im Nach hinein als Epochenschwellen klassifiziert) auf ein zunehmend als obsolet erkanntes Denksystem reagieren.
DOI: https://doi.org/10.37307/j.1866-5381.2020.01
Lizenz: ESV 🡭
ISSN: 1866-5381
Ausgabe / Jahr: 1 / 2020
Veröffentlicht: 2020-05-21
 

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